Bräunerhof

Café Bräunerhof

Melange, Eiernockerln, Zeitungen und das ausdrückliche Recht, länger sitzen zu bleiben.

Foto: Bräunerhof, tisch mit einem Schnitzel darauf © Bräunerhof

„Der Bräunerhof hat eine Seele, die man in modernen Lokalen oft vergeblich sucht“, bringt es Christoph Plachutta auf den Punkt. Im 1. Bezirk gehört dieses Traditionshaus schlicht zum Stadtbild. Dass hier schon Literaten wie Thomas Bernhard ein- und ausgegangen sind, merkt man auch heute noch an der unverfälschten Patina und dem entspannten Publikum: Eine bunte Mischung aus Stammgästen, Kulturinteressierten und Neugierigen, die dem Trubel der Innenstadt für ein paar Stunden entfliehen wollen. „Es ist genau dieser unverfälschte Charakter, der den Ort so besonders macht“, erzählt Plachutta.

Nach der Insolvenz stand der Bräunerhof kurz vor dem Aus. Mit dem Bieterverfahren wuchs die Sorge, dass aus dem traditionsreichen Kaffeehaus womöglich eine Boutique, ein beliebiges Szenelokal oder etwas gänzlich anderes werden könnte. Den Zuschlag erhielten schließlich zwei der bekanntesten Wiener Gastrofamilien: Plachutta und Friese. Gemeinsam wollen sie den Wiener Kaffeehausklassiker bewahren, aber ohne ihn in ein Museum zu verwandeln.

Im Interview erzählt Christoph Plachutta, warum die Geschichte des Bräunerhofs für ihn an Tisch 22 begann, warum 99 Prozent der Einrichtung bleiben durften, warum neben Melange und Eiernockerln jetzt auch Matcha Latte, veganes Pilzgulasch und Moules-frites selbstverständlich sind und weshalb er nie „eine Eieruhr auf den Tisch stellen würde.“

Der Bräunerhof ist kein beliebiges Lokal, sondern eine Wiener Institution. Was hat Sie gereizt, gerade dieses Kaffeehaus zu übernehmen?

Es gibt nicht viele Lokale wie den Bräunerhof – weder in Wien noch in ganz Österreich. Dieses Kaffeehaus ist ein wirklicher Schatz. Die Geschichte, die Räumlichkeiten und das unverwechselbare Flair sind Dinge, die man sich nicht einfach kaufen kann. So etwas entsteht über mehr als 100 Jahre.

Hier ist alles authentisch. Das kann man nicht einfach reproduzieren. Als sich die Möglichkeit ergeben hat, den Bräunerhof zu übernehmen und in einer Form weiterzuführen, die dieses Haus verdient, war das für uns eine einmalige Chance.

Selbst vor der Renovierung, als vieles im Bräunerhof schon in die Jahre gekommen war, hat man sofort gesehen, welches Potenzial in diesen Räumen steckt. Die hohen Decken, die alten Kugelleuchten, die Fensterfront mit den Schiebefenstern, das alles spiegelt eine Wiener Kultur wider, die heute so nicht mehr gebaut wird. Nichtsdestotrotz ist das Café nicht altmodisch, sondern zeitlos ikonisch.

Foto: Bräunerhof, Kellner eicht einen Kaffee © Bräunerhof

Ihre persönliche Geschichte mit dem Bräunerhof begann allerdings erst vor rund drei Jahren. Wie kam es dazu?

Das ist eigentlich eine ganz lustige Geschichte. Der Bräunerhof liegt mitten in der Innenstadt, aber etwas abseits der üblichen Pfade, schön eingenistet hinter der Spanischen Hofreitschule. Er schreit nicht so laut wie manch andere prominente Wiener Kaffeehäuser, die besonders bei internationalen Gästen beliebt sind und gerade deshalb ist es so besonders.

Obwohl ich in Wien aufgewachsen bin, kannte ich den Bräunerhof damals tatsächlich nicht. Vielleicht auch, weil ich nie die Tanzschule Elmayer besucht habe, sonst wäre ich vermutlich früher einmal vorbeigekommen.

Vor rund drei Jahren traf ich eine Freundin in Wien. Sie schlug das Café Bräunerhof vor, was mir zwar kein Begriff war, ich jedoch für ein gemütliches Wiener Kaffeehaus im Herbst immer zu haben bin. Ich erinnere mich noch genau: wir saßen an dem heutigen Tisch 22, ich bestellte einen Rindfleischsalat und ein großes Soda Zitron, sie trank einen Tee. Schon vom ersten Moment war ich von dem Ambiente bezaubert, man fühlte sich wie in eine andere Zeit transportiert, nicht kitschig, sondern gänzlich charmant. Die Freundin, mit der ich das Lokal besuchte, bemerkte mein Staunen natürlich, und so sagte ich zu ihr: „Sollte dieses Lokal jemals verfügbar sein, werde ich alles geben, um es weiterführen zu dürfen.“

Etwa zwei Jahre später, bei einer Besprechung mit meinem Vater, merkte er beifällig an, dass ihm ein Lokal angeboten wurde und schob ein Stück Papier über den Tisch. Ich sah nur die Worte „Café Bräunerhof“ und sagte im selben Moment: Um jeden Preis, das ist einmalig!

Viele Stammgäste hatten große Angst, der Bräunerhof könnte seine Identität verlieren. Wie sind Sie damit umgegangen?

Fast jeder Stammgast, mit dem ich im Lokal spreche, beginnt mit den Worten: „Wir haben uns solche Sorgen gemacht.“ Ich spiele dann gerne immer kurz empört, dass sie so wenig Vertrauen in die Familien Plachutta und Friese haben, sage dann aber gleich, dass ich deren Sorgen natürlich gut verstehe. Der Bräunerhof ist für viele Menschen ein sehr emotionaler Ort, ein Lokal, wo sie oft schon vor mehr als 50 Jahren als Studenten und Studentinnen oder Schüler und Schülerinnen hingegangen sind. Deshalb war uns wichtig, die Seele des Cafés zu bewahren.

Das war aber auch keine schwierige Entscheidung. Das Café Bräunerhof ein wunderschönes Lokal, dass einfach nur von Jahrzenten an Staub und Nutzungsspuren befreit werden musste. So gut wie alles sollte und konnte erhalten werden, durch das Feingefühl von sorgfältig ausgewählten Handwerkern und Handwerkerinnen. Es war für uns das erste Mal, dass wir ein Konzept nicht entwickeln mussten, sondern das Wesen des Lokals schon von Anfang an klar war.

Was wurde konkret renoviert?

Das Holz wurde nicht ersetzt, sondern aufgearbeitet und wir haben die Luster, die Lampen und die Bänke erhalten. Selbst beim Stoff der Sitzmöbel hat sich unser Architekt die Mühe gemacht, die originalen Stoffe wieder aufzutreiben. Lediglich die Farbe des Stoffes wurde leicht angepasst, um das Café ein wenig aufzufrischen. Dazu kamen kleine Ergänzungen, welche auf den ersten Blick vielleicht nicht auffallen. Die Stehlampen sind neu, der Boden ist heller und die Uhren laufen wieder – was, glaube ich, kein Nachteil ist. Ziel war immer: traditionell und authentisch, aber nie verstaubt.

Wenn man heute in den Raum schaut, erkennt man sofort das Café Bräunerhof wieder. Er ist nicht plötzlich ein anderes Lokal. Er ist einfach so hergerichtet, wie es der Bräunerhof im Jahr 2026 verdient.

Warum haben sich ausgerechnet die Familien Plachutta und Friese für dieses Projekt zusammengetan?

Zwischen unseren Familien besteht schon lange eine Freundschaft und großer gegenseitiger Respekt. Wir vertreten beide auf unsere Weise die österreichische Gastronomiekultur. Beim Bräunerhof haben wir gesehen, dass unsere Kompetenzen sehr gut zusammenpassen.

Unsere Stärke, also bei der Familie Plachutta, liegt vor allem in der Wiener Küche – zu der Entwicklung dieser hat ja auch mein Großvater damals maßgeblich beigetragen. Wir schauen darauf, dass die Speisen aus der Küche in höchster Qualität beim Gast ankommen. Denn man sollte auch in einem Kaffeehaus so gut essen können wie in einem Restaurant.

Natürlich muss aber in einem Kaffeehaus vor allem eines gut sein: der Kaffee, am besten noch mit einem Stück Kuchen. Die Familie Friese, die natürlich auch in deren Lokalen auf höchstem Niveau kocht, bringt in beiden Bereichen eine unglaubliche Kompetenz in die Partnerschaft mit ein, die in Wien seinesgleichen sucht.

Wichtig war auch, dass es zwischen uns nie eine Diskussion gab, was aus dem Café Bräunerhof mit unserer Übernahme werden sollte. Es war von Anfang an klar: Der Bräunerhof muss der Bräunerhof bleiben, nur auf einem anderen Niveau.

Was muss beim ersten Besuch unbedingt auf dem Tisch landen?

Wenn man morgens kommt, muss es eigentlich eine Melange sein. Wienerischer geht es im Kaffeehaus kaum. Dazu passt unser klassisches Schnittlauchbrot: Sauerteigbrot von Joseph Brot, mit cremiger Butter und frisch geschnittenem Schnittlauch. Damit startet man gut in den Tag, ohne lange überlegen zu müssen.

Zu Mittag muss man die Eiernockerln probieren. Sie gehören zu unseren meistverkauften Gerichten. Die Nockerln sind besonders weich, das Ei perfekt zubereitet, nicht zu flüssig, aber auch nicht trocken.

Am Abend servieren wir dann auch Gerichte, die man nicht unbedingt in einem Kaffeehaus erwartet, etwa Moules-frites oder ein Bavette-Steak mit Chimichurri und getrüffelten Pommes. Hier fließt Inspiration aus klassischen Bistrots mit ein, da die Räumlichkeiten vor allem abends auch ein wenig deren Charakter spiegeln.

Wir möchten unseren Gästen jedenfalls klar verständigen: der Bräunerhof ist mehr als ein Café, es ist ein Ort für jeden Anlass, zu jeder Zeit.

Und was empfehlen Sie zum Dessert?

An der Vitrine kommen die meisten Gäste kaum vorbei, ohne bereits vor dem Hinsetzen zu überlegen, was sie später bestellen werden. Alle dort zu sehenden Mehlspeisen werden täglich frisch zubereitet und bieten etwas für jeden Geschmack. Die Bräunerhoftorte, unsere Haustorte, besteht aus Schokoladenbiskuit mit feiner Pariser Creme. Die beste Art von Sünde – solange man nach einem Stück aufhören kann.

Wenn es etwas leichter sein darf, empfehle ich das Vanilletörtchen mit frischen Beeren. Perfekt für eine Kleinigkeit in der Mittagspause, um den Gusto zu besänftigen.

Neben Eiernockerln, Schinkenrolle und Schnitzel gibt es Matcha Latte und veganes Pilzgulasch. Wie viel Moderne verträgt ein Traditionskaffeehaus?

Sehr viel, solange man sie mit Gefühl einsetzt. Wer sagt denn, dass man in einem Wiener Kaffeehaus keinen italienischen Spritz oder Matcha trinken darf? Oder dass man hier keine internationalen Speisen essen kann? Unsere Gäste sollen das bekommen, auf was sie Lust haben.

Bei den Getränken haben wir als Kaffee-Alternativen zum Beispiel Matcha, Ube und Chai Latte. Zur Erfrischung bieten wir Haus-Limonaden, etwa mit Mandarine, Kumquat und Bergamotte oder mit Kaktusfeige und Matcha. Die Leute trinken es gerne, und Zeitung kann man dazu mindestens genauso gut lesen. Eine Journalistin war zum Beispiel bei ihrem ersten Besuch ganz begeistert, dass sie bei uns einen Flat White bekommt. Wieso denn auch nicht?

Früher soll einmal jemand gesagt haben, in den Bräunerhof komme niemand wegen des Kaffees. Hat Sie das angespornt?

Unbedingt. Es gibt einen alten Dokumentarfilm über das Café Bräunerhof, die eine völlig andere, sehr urige Kaffeehauswelt zeigt – so wie es damals halt war. Darin sagt der ehemalige Betreiber des Kaffees tatsächlich: „Ins Café Bräunerhof kommt niemand wegen dem Kaffee.“ Die Ironie dieser Aussage muss ich wohl nicht beschreiben, für uns war aber klar, dass der Kaffee unter unserer Aufsicht erstklassig sein muss.

Deshalb arbeiten wir mit der Rösterei Goppion aus Treviso zusammen. Unsere Mischung hat einen hohen Arabica-Anteil, welcher den hochwertigen Geschmack der Röstung ausmacht. Ein wenig Robusta ist auch dabei und sorgt für eine stabile Crema und Konsistenz im Kaffee.

Uns war wichtig, dass der Kaffee als Espresso ebenso überzeugt wie in einer Melange, einem Einspänner, einem Franziskaner oder sogar im Eiskaffee. Wir haben ihn deshalb in allen Zubereitungsarten verkostet. Aus Basis der bisherigen Reaktionen der Gäste haben wir das, glaube ich, ganz gut hinbekommen.

Ein Wiener Kaffeehaus lebt davon, dass Gäste lange sitzen bleiben. Wie rechnet sich das an einer solchen Innenstadtlage?

Beim Café Bräunerhof stand nie der Business-Case im Vordergrund. Natürlich betreiben wir ihn nicht aus Jux und Laune, aber entstanden ist das Projekt, weil wir uns in dieses Lokal verliebt haben. Und in den Flitterwochen fühlen wir uns nach wie vor.

Und ich stehe dazu: Wir stellen keine Eieruhr auf den Tisch. Wer lesen, tratschen, essen oder einfach nur verweilen möchte, ist jederzeit willkommen. Tatsächlich hat sich diese „Problematik“ aber auch noch nicht manifestiert. Das Café Bräunerhof hat eine breite Klientel, darunter jetzt auch viele Geschäftsleute, Jugendliche und Reisende. Es herrscht ein reges Treiben, die Leute kommen und gehen, jeder nach der eigenen Uhr. Wir schauen nur, wie wir für alle irgendwie einen Platz finden.

Am Abend wird das Licht gedimmt. Müssen sich die Zeitungsleser und Zeitungsleserinnendann langsam verabschieden?

Nein, auf keinen Fall. Wir dimmen das Licht und stellen Kerzen auf, weil wir am Abend eine andere Atmosphäre schaffen möchten. Das ist kein Versuch, jemanden hinauszubefördern. Wer bei gedimmtem Licht weiterhin seine Zeitung lesen möchte, kann das natürlich gerne tun.

Wen möchten Sie mit dem neuen Bräunerhof erreichen?

Im Grunde jeden, der vorbeischauen möchte. Wir freuen uns sehr, dass die Stammgäste mit der Renovierung zufrieden sind, sich weiterhin wohlfühlen und finden, dass der Kaffee besser und die Speisenauswahl größer geworden ist. Das zeigt uns, dass wir für jene, die den Bräunerhof schon lange kennen, einiges richtig gemacht haben.

Gleichzeitig wollen wir junge Menschen ansprechen, denn die Jungen sind die Gäste von morgen, so wie unsere Stammgäste schon in der Studienzeit in den Bräunerhof gekommen sind. Ich finde es zum Beispiel schön zu sehen, wenn Studenten oder Studentinnen zwischen einem Stammgast und zwei Geschäftsleuten sitzen.

Schließlich sollte ein Kaffeehaus ein zweites Wohnzimmer sein. Und in einem Wohnzimmer sitzen schließlich auch Kinder, Eltern und Großeltern zusammen – alle mit unterschiedlichen Erfahrungen und Ansichten. Ein bunter Mix aus Gästen schafft einfach eine besondere Atmosphäre.

Der Bräunerhof ist eng mit Thomas Bernhard verbunden. Welche Rolle soll die literarische Geschichte künftig spielen?

Kultur in all seinem Formen, darunter auch die Literatur, gehört ganz klar zur Identität des Bräunerhofs. Man muss nur einen Blick auf die weiterhin bestehende Posterwand im hinteren Teil des Lokals blicken und hat sofort einen Überblick zu aktuellen Ausstellungen und Veranstaltungen.

Thomas Bernhard ist natürlich stark mit dem Café Bräunerhof verbunden und da sind wir auch stolz drauf. Das ikonische Foto von ihm hier, geschossen von Sepp Dreissinger, der uns auch schon im Café besucht hat, hängt weiterhin an der Wand.

Nach der Eröffnung haben wir uns zunächst darauf konzentriert, die betrieblichen Abläufe, die Speisen und die Getränke zu optimieren. Im nächsten Schritt wollen wir uns überlegen, wie wir die kulturelle Seite wieder stärker aufnehmen können.

Ob es beispielsweise Lesungen oder sonstige größere Veranstaltungen geben wird, kann ich noch nicht sagen. Wir möchten niemandem den Zutritt zum Lokal verwehren, also sind ticketbasierte Events eher nicht in unserem Interesse. Ein Auftritt des ehemaligen Bräunerhof-Trios, um unsere Gäste mit Musik zu begleiten, ist hingegen sicherlich denkbar. Bis dahin gibt es schon mal Live-Klaviermusik am Wochenende.

Welches Gefühl sollen die Menschen mit dem Bräunerhof verbinden?

Der Bräunerhof soll ein Lokal sein, in dem man sich jederzeit willkommen und gut aufgehoben fühlt. Das kann einerseits bedeuten, dass man gezielt in das Café Bräunerhof geht, oder einfach nur hereinspaziert, weil man gerade in der Gegend war. Egal ob Frühstück, Mittagessen, Kaffee am Nachmittag, Abendessen oder nur auf einen Drink - es ist nie ein Kompromiss, sondern die Gewissheit, dass man auf höchstem Niveau speist, trinkt und bedient wird.

Ob jung oder alt, aus Wien oder aus dem Ausland: Im Café Bräunerhof sind alle willkommen. Schwellenangst darf es nie geben, das Lokal muss immer zum Eintreten einladen. Genau das ist Wiener Kaffeehauskultur.

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